Fluchtnovelle
Die beiden ersten Sätze
„Kein Körper, nur ein Kopf. Wie nach einer Hinrichtung.“
Zur Geschichte
Thomas Strässle erzählt von der Macht der Liebe gegen die Übermacht der Systeme in der DDR und der BRD. Er erzählt die wahre Geschichte einer Flucht von zwei jungen Menschen, die alles aufs Spiel setzen – es handelt sich um seine Eltern. Im „Haus der Roten Armee“ in Erfurt lernen sie sich kennen. Eine Studentin aus der DDR und ein Student aus der Schweiz. Beide sind jung – sie 21, er zwei Jahre älter. Sie verlieben sich Hals über Kopf und wollen ein gemeinsames Leben in Freiheit, doch nach einigen Wochen werden sie wieder vom Eisernen Vorhang getrennt. Als sie einsehen müssen, dass ein gemeinsames Leben auf legalem Weg nicht geht, schmieden sie einen genialen Plan. Bekanntlich tut die DDR alles, um die Menschen an der Ausreise zu hindern, also versuchen sie eine Flucht in den Westen nicht bei der Ausreise, sondern beginnen die Flucht in die entgegengesetzte Richtung: Bei der Einreise.
Der Autor
Thomas Strässle, geboren 1972, lebt in der Schweiz. Er ist Querflötist mit mehreren CD-Konzertveröffentlichungen, Präsident der Max-Frisch-Stiftung, Institutsleiter und Professor für Literatur an der Universität Zürich. Bekannt geworden ist er dem literaturinteressierten Publikum in Deutschland, Österreich und der Schweiz als TV-Kritiker im „Literaturclub“ (SRF/3SAT) und in der „Kulturzeit“ (3SAT). Fluchtnovelle ist Strässles bislang achtes Buch als Autor.
Meine Meinung
Auf nur 120 Seiten gelingt es dem Autor, eine wahnwitzige Handlung sanft, spannungsgeladen und mit einfacher und klarer Sprache voranzutreiben. Natürlich wird das Ende nicht verraten, aber da es sich bei den beiden Hauptpersonen im Buch wirklich um die Eltern des Autors handelt, wird aus dem anfänglichen Krimi zum Schluss keine Tragödie. Dennoch: als Leser fiebert man mit und mehrmals habe ich gedacht: „Das wird doch niemals funktionieren“.
Kann ein Buch mit nur 120 Seiten herausragend gut sein? Ja, es kann. Thomas Strässle zeigt uns Lesern, das zu einer großen Geschichte manchmal auch nur die ganz kurze Novelle als Form benötigt wird.
Dieter Niehoff
Thomas Strässle: Fluchtnovelle
Suhrkamp 2025
124 Seiten