Frankie und Freddie
Der erste Satz
O weh, o weh, o weh, dachte Frank Lehmann.
Die Geschichte
Manfred, genannt Freddie, Lehmann ist 1980 vor der Einberufung nach Berlin geflüchtet und lebt dort in einer WG in Kreuzberg sein Leben. Für gutes Geld strandete er zuletzt als Proband für ein dubioses Pillenprojekt in einem Hotel am Kudamm und wird heute entlassen. Es ist der Tag vor Heiligabend und sein Bruder Frank soll mit dem seit Monaten unbenutzten Kadett vorfahren. Aber bei plötzlich einsetzendem Schneefall geht in der Stadt gar nichts mehr. Also ab in die U-Bahn. Aber nicht mit Freddie, denn seine im Projekt neu erworbene Klaustrophobie macht den Heimweg vom Kudamm zu einer irrwitzigen Odyssee. Eine Autofahrt ohne Winterreifen ist heikel, Bahn und Bus machen Angst und zu Fuß ist bei Schneeglätte und Kälte kein Berliner mit Verstand unterwegs. Die Möglichkeiten werden einige Kapitel lang hin und her überlegt und so langsam nimmt der Irrsinn in „Frankie und Freddie“ seinen unfassbaren Alltagsverlauf, denn man entscheidet sich für den Kadett, nimmt einige neue Bekannte noch mit und schlittert so in voller Besetzung in Schleichfahrt kreuz und quer durch eine wirklich nicht glitzernde Großstadt. Zudem stellt man auf halber Strecke fest, dass Freddie ganz dingend zurück ins Hotel an den Kudamm muss. Das aber wird schwierig ohne Benzin und Batterie.
Eigentlich geht es in dem Buch vor allem um eine Tasche, die Freddie im Pillenprojekthotel vergessen hat. Aber da jeder in der Kreuzberger WG andere Ratschläge zur anstehenden Rückholaktion hat, wird aus diesem Durcheinander eine Weihnachtsreise ins Herz der Berliner Tristesse und Finsternis - und zwar in hamsterradartiger Hektik ohne wirkliches Vorankommen. Stundelang cruisen die Lehmanns mit dem altersschwachen Kadett und dem ÖPNV durch ein dunkles, schmutziges, chaotisches Berlin (West). Man passt sich im schneematschigem Vorweihnachtsgewusel einer seltsam gefühligen depressiven Hektik an, aber voran geht es nicht wirklich.
Um was es sonst noch geht in den 37 Kapiteln? Nun, zum Beispiel um Glühwein statt Kinderpunsch, den dunklen Bezirk Wedding, um „Malen nach Zahlen“ als ganz moderne Kunst, um eine Apotheke mit Drogen gegen Grippe, um ein Hähnchen für vier, um Eckstein Nummer 5, um IKEAS Bettwäsche Lindholm, und natürlich um die Liebe, um eine weihnachtliche Heimreise zu Mutter und Vater, und um ein Stipendium in New York , aber das kommt erst in einem späteren, aber schon erschienen Buch vor. Das mag verwirren, aber so ist das ganz normale Leben in der Welt des Frank Lehmann.
Der Autor
Sven Regener, Musiker und Autor, geboren 1961 in Bremen, lebt in Berlin im Viertel Prenzlauer-Berg. Seit 1985 spielt er Trompete, Klavier und Gitarre und singt in der deutschen Band „Element Of Crime“, deren Musik seitdem ein ganz eigenes Genre gebildet hat. Einen Mischmasch aus Schlagerpop, Country & Western, Jazz mit Mariachi-Klängen und einer Lyrik als Mix aus Kinderreimen, Gebrauchsanweisungen, einem Kessel Buntes, Verwaltungsverordnungen, Thekenphilosophie und ganz viel Tief-, Flach-, Wahn- und Feinsinn.
Als Romanautor wurde Sven Regener 2001 mit seinem Erstling „Herr Lehmann“ bekannt. Nie zuvor und niemals wieder wurde über die Nacht des Mauerfalls geschrieben, wie es Regener hier getan hat. Das Buch war monatelang auf den Bestsellerlisten, wurde in 16 Sprachen übersetzt und kurz nach Erscheinen sehr erfolgreich verfilmt.
Übrigens kann man In diesem Herbst „Herr Lehmann“ als Theaterstück im Konzert-Theater Coesfeld live sehen.
Der Lehmann-Kosmos bot Sven Regener bislang Stoff für sieben Bücher. Im Laufe der Jahre erhielt Regener für seine musikalischen und prosaischen Werke etliche nationale und internationale Auszeichnungen als Musiker und als Autor.
Meinungen
„Wer glaubt, Christopher Nolan hätte mit seiner monumentalen Homer-Verfilmung die Odyssee des Jahres gestemmt, irrt: Es ist diese schräge und natürlich vollkommen abseitige Weihnachtsgeschichte von Sven Regener, in der eine keinesfalls heilige Patchwork-Familie durch die Kälte irrt, vor allem aber durch den vom Autor kunstvoll versponnenen Irrsinn.“ (WAZ)
„Von Sven Regeners urkomischen, weil haarscharf am Irrwitz der Wirklichkeit entlanggeschriebenen Dialogen im Sound der Zeit und der Melancholie, die alles durchweht, wenn er auf Durchzug stellt, kommt man nur schwer los.“ (FAZ)
Der SRF hat Buch und Autor vor kurzem so vorgestellt: https://www.srf.ch/kultur/literatur/roman-frankie-und-freddie-sven-regener-jagt-herrn-lehmann-wieder-durch-das-wilde-westberlin
Und Uwe Kalkowski, mein mir liebster Literatur-Influencer, schreibt über "Frankie und Freddie": https://kaffeehaussitzer.de/sven-regener-frankie-und-freddie/
Und hier gibt es Informationen zu allen anderen Lehmann-Romanen: https://kaffeehaussitzer.de/die-welt-des-herr-lehmann/
Autor Sven Regener macht uns Leser zu Zeugen einer allmählichen Verhedderung von fast allem, was den Lehmanns lieb und wichtig scheint. Und zwar in Echtzeit - jedenfalls beinahe - denn das Geschehen im Buch beginnt mittags und am Ende nach 280 Seiten sind wir alle nicht mal einen Tag weiter. "Ja, nee, warte mal, vielleicht“, ist der Satz, den Freddie und Frank häufig nutzen und bringt die Pläne oder Zufälligkeiten des Tuns oder des lieber mal Lassens auf den Punkt.
Ich habe mich wie Bolle über einen neuen Lehmann-Roman von Sven Regener gefreut, denn mit "Herr Lehmann" im Jahr 2001 bin ich zum Fan geworden. Mich beruhigt es nach wie vor sehr, dass es Typen wie Frank und Manfred, Kerstin und Chrissie, H.R. Ledig und Karl Schmidt und all die anderen in dem Lehmann-Kosmos wirklich geben könnte. Und noch schöner: Bei Sven Regener werden sie von Jahr zu Jahr jünger. Autor Regener macht das ganz simpel: „Herr Lehmann“ spielt in der Nacht des Mauerfalls rund um eine Kneipe und eine alteingesessene WG. "Frankie und Freddie“ setzt neun Jahre zuvor, in der nicht mehr taufischen, aber sich bereits gesetzten Kreuzberger-Wohngemeinschaftszeit an. Für die Jahre zuvor gibt es von Sven Regener "Der kleine Bruder" und wenn man in die Lehmann-Jugend weiter zurück möchte, dann bietet uns der Autor "Neue Vahr Süd". Mit "Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt", Wiener Straße" und "Glitterschnitter" geht es jedes Mal ein wenig erwachsener zu, wird kunstvoll träge und querbeet zugleich und am Ende fast schon politisch und hyperaktiv.
Ich habe "Frankie und Freddie", das mittlerweile siebte Lehmann-Buch, an einem Wochenende eingesogen. Die mir bereits bekannten Charaktere und die sich eigentlich um fast nichts drehende Geschichte packten mich erneut wie schon beim „Herr Lehmann“ und den anderen Werken. Die Dialoge sind auch diesmal wieder urkomisch bis unsinnig und das Unterwegssein mit Kadett oder Kastenente im winterlichen Berlin ist eine Verhaltensauffälligkeit in seiner abstrusesten Form. Wer einen Sinn für erwachsene Albernheiten hat, wer die Abschweifungen eines Hans-Dieter Hüsch, Frank Goosen oder Torsten Sträter mag oder wem die deutsche Country-, Jazzpop-, Bänkel-, Mariachimusik von „Element Of Crime“ nicht fremd ist, dem sei „Frankie und Freddie“ sehr ans Herz gelegt.
Und wer noch skeptisch ist, der schaut in der Bücherei vielleicht einmal nach irgendeinem Buch von Sven Regener. Dabei den Anfang mit „Herr Lehmann“ zu machen, das ist überhaupt nicht verkehrt. .
Dieter Niehoff
Sven Regener: „Frankie und Freddie“
Verlag Galiani Berlin 2026,
278 Seiten
Romane von Sven Regener können in der Stadtbücherei entliehen oder vorbestellt werden.