Der deutsche Sommer
Der deutsche Sommer
Sachbücher 5 Minuten Lesezeit

Der deutsche Sommer

Der erste Satz

Vierzehn Minuten vor Beginn des Halbfinalspiels Deutschland gegen Italien fühlt sich Thomas Reiter auf einen Schlag unheimlich leicht.“

Die Geschichte

Erinnern sie sich noch an den Sommer 2006 hier in Deutschland? Unterwegs sah man von einem Tag auf den anderen Deutschland-Fahnen in den Fenstern der Häuser, die Außenspiegel der Autos wurden Schwarz-Rot-Gold und die Menschen schienen irgendwie lockerer und freundlicher geworden zu sein. Mancher ging im Trikot der Nationalelf zur Arbeit und in meiner Straße gab es in einer Garage sogar wochentags Rudelgucken mit den Nachbarn.

Autor Ronald Reng bringt uns in 39 Kapiteln eine Zeit in Erinnerung, die bereits arg weit weg scheint. Damals war ich in den Vierzigern und wichtig war der Umbau unseres Hauses. Es ging damals vor zwanzig Jahren um Statik, Stahlträger oder Bedachung. Das, was Jürgen Klinsmann, Oliver Kahn, Jens Lehmann, Angela Merkel, Franz Beckenbauer oder die Sportfreunde Stiller 2006 zu Darstellern rund um die heimische WM machten, bekam ich eher am Rande mit.

Dank Ronald Rengs „Der deutsche Sommer“ kommt die WM und viel von der Geschäftigkeit und den Geschehnissen im weiten Feld drumherum wieder zurück. In 2006 konnte ich die Weltmeisterschaft an einem Wochenende in Köln zusammen mit meinen damals 12 jährigen Sohn live erleben, denn wir hatten Karten für das Spiel Togo gegen Frankreich zugelost bekommen. In der Kölner Innenstadt waren unfassbar viele Fans. In der Fußgängerzone, auf der Domplatte und rund um das Müngersdorfer Stadion schlenderten, sangen, tranken oder tanzten sie mit der Fahne Togos um die Schultern oder dem Trikot Frankreichs am Leib - und wir mittendrin. Alles war laut und schön und freundlich zugleich. Ehrenamtliche Helferinnen und Helfer erklärten freundlich jedem Fan den Weg zum nächsten Bankautomaten oder zur richtigen Straßenbahn.

Unfassbar, was damals in Deutschland auf einmal alles möglich war und auch wirklich geschah. Aus unserem Land mit hoher Arbeitslosigkeit, latenter Fremdenfeindlichkeit und Bildungsnotstand wurde laut einer damaligen internationalen Umfrage innerhalb weniger Wochen das „coolste" Land der Welt.
Wie konnte das passieren?

Der Autor

Ronald Reng, Jahrgang 1968, ist Journalist und preisgekrönter Autor zahlreicher Bücher über Fußball und Menschen, die durch den Fußball bekannt geworden sind. Sein Buch über den deutschen Nationaltorwart Robert Enke ist sogar international ein Bestseller geworden. Von ihm erschien im letzten Jahr das über 400 Seiten starke Buch „1974 – eine deutsche Begegnung“ über lediglich ein einziges, sogar einmaliges Länderspiel (BRD – DDR). Und auch in 2025 ist von Reng dieser biografische Roman erschienen: https://foerderverein-stadtbuecherei-coesfeld.de/empfehlungen/er-kenne-herrn-benz-nicht-sagt-herr-daimler

Meine Meinung

Ronald Reng ist mit „Der deutsche Sommer“ ein einzigartiges Erinnerungsstück und eine filigrane Analyse der nationalen Hochstimmung im Juni 2006 gelungen. Im ganzen Land herrschten auf einmal Leichtigkeit und Gastfreundschaft. Von den Millionen Gästen aus aller Welt feierten zum Beispiel 70.000 Briten im Zentrum Frankfurts betrunken und harmlos zugleich (Kapitel 8). Diese friedliche Zusammensein gelang durch die Umsetzung des Konzeptes eines Landessportreferenten aus Hamburg. Seine Erfindung nannte man überall im Land „Fanmeile“ und „Public Viewing“. Technisch möglich machte das eine Übertragungsqualität, mit der man auf großen Leinwänden erstmals auch bei Sonnenlicht mit erstaunlicher Bildqualität Fußball erleben konnte.

Ich schaute viele Spiele im Rudel vor den Torbögen in der Coesfelder Innenstadt. In Berlin taten das an manchen Tagen 500.000 zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor. Und die erwähnten Briten fanden es herrlich, dass wir Deutschen diese Feierei „Public Viewing“ nannten, was in Großbritannien „Aufbahren eines Verstorbenen“ bedeutet.

Ronald Reng bringt uns das Geschehen auch aus ganz anderen Blickwinkeln nah. So erfahren wir am Anfang und ziemlich weit hinten (32. Kapitel), wie der deutsche Astronaut Thomas Reiter die WM von der Discovery aus erlebte. Wir sind in einem Kapitel im Krieg im afghanischen Kabul und können nachvollziehen, was damals wirklich wichtig war. Wir lesen, wie Angela Merkel zum bekennenden Fußballfan wurde, und das BILD den Bundestrainer Jürgen Klinsmann auf einmal mochte. Ach ja, und dem damals mittelprächtig bekanntem Fußballtrainer Jürgen Klopp (Mainz 05) gelang es, täglich im ZDF komplizierte Fußballtaktiken verständlich zu erklären.

Die fast 40 Kapitel in diesem erzählenden Sachbuch sind alle wunderbar. So zum Beispiel die von der Entstehung des Begriffs „Sommermärchen“ (17. Kapitel) oder die vom Hubschrauberpiloten Hans Ostler, der vier Wochen lang Franz Beckenbauer kreuz und quer durch das Land flog (19. Kapitel). Vom Argentinier Marian und seinem trauernden Freund aus Polen (28. Kapitel), vom Busfahrer aus Italien in Dortmund (35. Kapitel) und von vielen anderen Deutschen und den internationalen Gästen im Land.

Mehr als 70 Literaturangaben, 12 wissenschaftliche Arbeiten und 400 weitere Quellen listet Ronald Reng am Ende von „Der deutsche Sommer“ auf. Erstaunlich, wie aus dieser recherchierenden Fleißarbeit ein so leichtes und unterhaltsamen Buch entstanden ist. Schon jetzt ist es das Buch für den Sommer 2026 – zumindest für alle, die den Fußball jenseits von Bestechung, Gewinn und Macht mögen.

Andere Meinungen

Erzählungen von Fußballern und Trainern, Journalisten und Filmemachern, aber auch ganz normalen Fans, bei denen sich dieser Sommer ins Gedächtnis eingebrannt hat. Wir begleiten Menschen rund um die Nationalmannschaft, die Deutschland für ein paar magische Wochen in einen Taumel der Begeisterung versetzten .(TAGESSPIEGEL, Berlin).

Es kommen Leute aus dem ganz normalen Leben zu Wort, aber auch Protagonisten wie der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann und Torwart Jens Lehmann, Leute also, die im Laufe ihrer Karrieren nicht immer nur Sympathiepunkte gesammelt haben."(FRANKFURTER RUNDSCHAU)

Und plötzlich mochten wir uns selbst." (DIE ZEIT)

Dieter Niehoff

Ronald Reng: Der deutsche Sommer – Als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog
Piper Verlag 2026,
416 Seiten

Bücher des Autors sind im Bestand der Stadtbücherei